KOLUMNE
Meine Liebe“, flüstert Silvie, die genauso gut auch Maren, Sonja oder Katrin heißen könnte, beim Abschied in Ihr Ohr, „ich meine es nur gut mit Dir. Als Deine Freundin muss ich Dir sagen, dass die schmale Jeans Deine kräftigen Waden unvorteilhaft betont. Du solltest in Zukunft auf weitere Hosenbeine achten.“
Touché! Das saß. Was Frauen einander unter dem Deckmantel des freundschaftlichen Gefallens an kleinen Giftspritzen verabreichen, grenzt nicht selten an Nestbeschmutzung. Haben Sie schon mal einen Mann so etwas sagen hören? Was Silvie nämlich wohlweislich zu sagen unterlässt: Die sportlichen Waden gehören zu einem Paar insgesamt sehr wohlgeformter Beine mit unerhört langen Schenkeln, die Männerblicke auf sich ziehen. Und das stört Silvie. Von mittlerer Körperhöhe und eher der weibliche Figurtyp neidet sie der Freundin den knabenhaft-muskulösen Körperbau und die langen Beine.
Wenn Sie solche oder ähnliche Botschaften von Freundinnen erhalten, sollten Sie a) in erster Linie die wahre Meldung dahinter verstehen und die Motivation der Absenderin durchschauen lernen, b) überprüfen, ob Silvie Recht hat und c) auf ihre Freundschaft künftig verzichten. Attraktivität ist immer eine Sache des Betrachters: Es gibt Menschen, meist männliche, die sportliche Waden „rattenscharf“ oder ein kräftiges weibliches Gesäß „einfach herrlich“ finden. Überprüfen Sie also bewusst und selbstkritisch, was Sie an sich schön finden und zeigen wollen – oder was keine Betonung verdient. Abweichungen vom gängigen Schönheitsideal können nämlich für einen nach Reiz und Abwechslung suchenden Blick ein wahrer Augenschmaus sein. (Selbstverständlich entschuldigt das keine Leggins an einer untrainierten Damengröße 46!)
Wenn Sie selber Silvie sind – und Hand aufs Herz, ein bisschen Silvie steckt in jeder von uns – dürfen Sie sich Gedanken zu Ihrem Umgang mit Neid machen. Statt die Konkurrentin, die keine ist, weil Sie ihren Oberschenkelumfang ohnehin nie erreichen werden, mit Nadelstichen zu versehen, könnten Sie sich besser produktiv mit Ihrem Neidgefühl auseinander setzen und zu folgendem Schluss kommen: Der Kontrast macht Sie als Freundinnen-Paar spannender als wenn Sie alleine aufträten, Ihre weibliche Silhouette und Ihre feminine Ausstrahlung werden dank der sportlichen Begleitung in Szene gesetzt und ziehen an, wer auch immer darauf „steht“.
Neidisch zu sein ist ein normal-menschliches Gefühl und kann sehr positiv sein, wenn sie damit konstruktiv umgehen. Konstruktiv wird das Gefühl, wenn man oder Frau es anerkennt, bevor es spitzzüngig macht oder zweifelhafte Instinkthandlungen nach sich zieht. Neid ist ein Indikator für das eigene Defizit-Denken. Was ich anderen neide, wünsche ich mir selber, traue es mir aber nicht zu. Erst wenn ich das erkenne, kann ich gegensteuern und an die Erfüllung meines Wunsches gehen – oder ihn als irrelevant ad acta legen. Oft ist Neid auch eine Folge einseitiger Betrachtung und will uns auf das eigene reduzierte Denken aufmerksam machen. Das nagelneue Auto des Nachbarn zum Beispiel mag unglaublich repräsentativ sein, in der Kurve wie ein Formel-1-Wagen auf der Straße liegen und alles in allem den Sieg des Statusdenkens feiern – es schluckt aber vielleicht auch höllisch viel Benzin und verursacht seinem Herrchen bei jedem Kratzer Schmerzen in der Besitzerseele. …oder die Freundin mit Modelmaßen. Gerät sie nicht immer wieder an Männer, die sich mit ihr schmücken wollen, statt sie zu nehmen, wie sie ist? Vielleicht würde sie – rein männertechnisch natürlich – etwas darum geben, weniger hübsch zu sein. …oder die andere Freundin mit Körbchengröße 75 DD. Hat sie es nicht gründlich satt, Jacken eine Nummer größer kaufen und dann in der Taille ändern zu müssen, weil kein Europäisches Konfektionsmaß an ihrer Pracht sitzt? Sie träumt seit Jugendtagen vom flachen A-Format… Wer genauer hinschaut statt Pfeile zu schießen, kommt schnell dahinter: Woanders ist das Gras auch nicht grüner.
Es gibt sie, diese Menschen, die alles haben. Schönheit, Intelligenz, Talent, Freunde, Geld – und dann sind sie auch noch nett! Vielleicht begegnen sie uns, damit wir unsere eigenen Stärken zu profilieren lernen.
Seitdem Silvie das erkannt hat, greift sie lieber in die Trickkiste der Weiblichkeit und inszeniert sich typgerecht, ohne Seitenhiebe. Der aus Neid entstandene Antrieb bringt auf diese Weise tolle Ergebnisse – und rettet Ihre Frauen- und Männerfreundschaften.
Ihre Katharina Starlay
9. Januar 2012
»Lektionen in Sachen Stil« Die RUHRNACHRICHTEN über »Power Dressing beim Dortmunder Marketing-Club: Image-Beraterin zieht Männer an
Kolumnen von Katharina Starlay:
Je Blazer desto Chef | Help– So reklamieren Sie stilvoll
Gastkolumne(n):
Die Kleidung kommuniziert – von Foad Forghani | Der echt seriöse Auftritt – von Mike Augusto | Welche Uhr zu welchem Anlass – von Mike Augusto