GASTKOLUMNE

Der echt seriöse Auftritt
von Mike Augusto

Wichtiger Kundenbesuch meldet sich an. Als dieser dem Geschäftsführer gemeldet wird, fragt der als erstes: „Welche Schuhe tragen die Herren?“ Was als Dialogpointe in einem Hollywood-Film mit Robert Redford in der Hauptrolle („Sneakers – die Lautlosen“, USA 1991) so leichtfüßig daher kommt, bringt das Thema Herrenschuhe auf den Punkt.

Schuhwerk für Männer und Frauen sind in Ihrem Anspruch und ihrer Verarbeitung (leider!) so grundsätzlich unterschiedlich, dass ich als Frau jemanden fragen wollte, der selber gute, ergo: echte Herrenschuhe trägt. Mike Augusto, Unternehmensberater und laut eigenen Angaben „seit Dekaden dem guten Schuhhandwerk hoffnungslos verfallen“ schreibt über seine Erfahrungen und Beobachtungen in Sachen „Schuh und Büro“:

Die wohl noch immer berechtigte Frage, welcher Schuh der richtige im Büro oder zu einem Geschäftstermin ist, beschäftigt seit Jahren unzählige sogenannte und teilweise selbst erkorene „Business- und Style-Berater“, aber wenn ich mich im täglichen Geschäftsleben so umschaue, meistens mit Blick nach unten, zum Schuh, komme ich zu folgendem Schluss: das Problem scheint wohl noch nicht gänzlich gelöst!

Treffe ich im Sommer auf ebenso selbst ernannte Kreative der Film- und Werbewelt, sehe ich in den letzten Jahren vermehrt marine-blaue Bootschuhe. Nun, an einem Bootsschuh ist an sich nichts auszusetzen, trage ich selber sehr gerne. Auf einem Boot. Oder am Wochenende. Am Wasser. Ich muss zugeben, wir müssen Paul Sperry danken, dass er diesen äusserst bequemen Mokassin erfunden hat, aber, und hier wird es zumindest für den täglichen Gebrauch kritisch, man trägt einen Bootsschuh immer, wirklich ausnahmslos, und als einzigen Schuh überhaupt (bevor jemand fragt: Sandalen und Flip-Flops kenne ich nicht) ohne Socken! Will ich bei einem Geschäftstermin den blossen Knöchel meines Gesprächspartners sehen? Nein, will ich ganz sicher nicht.

Im Winter treffe ich die gleiche Klientel übrigens mit Stiefeln amerikanischer Herkunft, liebevoll geschustert für die wirklich körperlich anstrengende Tätigkeit von Strassen-, Wald- und unter-Tage-Arbeitern. Mit den sehr haltbaren Gummi-Profilsohlen, die einem auch auf Schnee und Eis recht guten Grip geben, verrubbeln sie teuerste Teppichauslegeware in den Büroetagen. Auf Parkett gibt’s übrigens dunkle Schlieren. Und warum muss man in klimatisierten Atmosphären Stiefel tragen, die einem draussen, in tiefst winterlicher Witterung, bei einer Temperatur von ca. minus 20 Grad, immer noch ein wohliges Gefühl um den Fuss geben? Ich weiss es wirklich nicht.

Auf mittleren Ebenen, weg von Kreation, hin zu Einkauf, Rechtsabteilung und Finanzen, treffe ich auf den Penny Loafer, den etwas formelleren, handfesten Mokassin. Auch ein Penny Loafer ist ein toller Schuh. Zumindest dann, wenn man für sich noch nicht entschieden hat, ob man noch im Büro oder schon in der Freizeit ist. In Amerika, hier sind die mittlerweile nicht mehr ganz so starren Regeln aber immer noch eine Art Referenz, trägt man den Penny Loafer frühestens am Freitag, dem sog. „ddf“ (dress-down-friday). Sehe ich den Penny Loafer montags bis donnerstags, bin ich eben nicht in Amerika.

Eine weitere amerikanische Ikone des gepflegten Business-Herrn ist der Tassel Loafer, in unseren Breiten abschätzig als „Bommel-Schuh“ verspottet. Zu Nadelstreifen-Anzügen sah man den Tassel Loafer von der Wall Street (hier ist sehr wohl der Film und die Strasse in New York City gemeint) bis zur Regent Street und dem Frankfurter Bankenviertel. Als Accessoire der Popper- und späteren Yuppie-Bewegung einst inflationär missbraucht, erhält dieser leichte und aussergewöhnliche Schuh auch in Europa wieder seine wohlverdiente Anerkennung und erlebt (s)eine berechtigte Renaissance.

Aber am Ende bleibt es, wie es sein sollte: der gepflegte Herr trägt zum Anzug einen Schnürschuh. Natürlich rahmengenäht und aus bestem Leder. Der Leisten, also das Stück Holz, das dem Schuh sein finales Aussehen gibt, sollte englisch, amerikanisch, ungarisch oder österreichisch sein, weniger französisch oder italienisch. Deutsch so gut wie gar nicht, mir ist, ehrlich gesagt, auch gar kein „deutscher Leisten“ bekannt.

Über die Farbe kann man geteilter Meinung sein, oxblood (eigentlich: ochsenblut), also ein sehr dunkles bordeaux, cognac (ein mittleres bis dunkles braun), ein dunkles braun für Wildleder, oder eben schwarz. Nur bitte keinen hellbraunen Schuh zur schwarzen Hose, das machen selbst die von uns allen als modisches Völkchen anerkannten Italiener nicht mehr. Schwarze Hosen bedeuten schwarze Schuhe, zumindest für mich, und eigentlich für jeden Puristen. Ob der Schuh ein Oxford, ein glatter Derby oder ein mit floralen Lochmustern dekorierter Brogue oder Budapester ist, ist nicht ganz so entscheidend. Für frühlingshafte und sommerliche Temperaturen empfehle ich zu leichteren Anzugstoffen einen Schuh mit einfacher Sohle, für die kalten Tage im Herbst und Winter sieht ein Schuh mit doppelter Sohle zu grauem Flanell einfach besser aus, schwerere Stoffe bedingen schwerere Schuhe. Und nein, ein guter Schuh braucht keine Gummisohle zum Schutz vor Nässe, es sei denn man fährt in seinem Geländewagen durch die eigenen Ländereien um Schafzucht, Weinstöcke oder Tabakanbau zu kontrollieren.

Somit beantwortet sich auch die eingangs gestellte Frage: „Die Herren“ tragen selbstverständlich Schnürschuhe! So hoffe ich zumindest, auch wenn der Filmtitel „Sneakers“ anderes vermuten, ja sogar befürchten lässt.

P.S.: noch eine Anmerkung zur Pflege. Wie oft sehe ich, zu generell nicht ungepflegter Garderobe, auf Hochglanz polierte Schuhe, bei denen jedoch dem Rahmen keinerlei Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Grauer Staub auf dem Rahmen, auf den Nähten und in den Lochmustern, wahrlich ein Greuel! Meine Herren, die ausrangierte Zahnbürste vermag manchmal auch hier wahre Wunder zu schaffen. Ansonsten hält der Fachhandel passendes und nicht überteuertes Spezial-Gerät bereit.

Ihre Katharina Starlay + Mike Augusto

 

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