KOLUMNE
Ein gutaussehender junger Mann musste er gewesen sein. Die bernsteinfarbenen Augen boten einen spannenden Kontrast zu gebräunter Haut und silbernem Haar und ließen den Glanz seiner Jugend erahnen. Heute allerdings wirkten die jugendlichen Symbole, das längere gewellte Haar und die mehr als knackige Jeans zum Anzugjackett etwas unvermittelt. Der Herr, der sich bei einem Business-Event als Finanzberater vorstellte, war wirklich eine Klasse für sich: Billige Visitenkarte auf dünnem Papier, undisziplinierte Körpersilhouette und ungepflegte Erscheinung, kurz: Er hatte genau, was man sich von einem Menschen, dem man sein Geld anvertraut, erhofft …
Für sein Alter kann man nichts, und glauben Sie mir: Jeder kommt dran! Man kann aber sicherlich etwas für die Würde tun, in der Mann oder Frau altert. Einerseits lassen wir uns von Werbung, Mode und der „Casualisierung“ des textilen Zeitgeistes immer mehr Richtung sportlich-jugendlicher Outfits verführen. Andererseits ruft die demografische Entwicklung eine neue Gattung von Vorbildern auf den Plan: Die der Age-Models.
Das sind meist gut gehaltene Persönlichkeiten ab 45, bei manchen Agenturen ab 39 Jahren, die eines gemeinsam haben: Sie haben sich dem Lauf der Zeit nicht tatenlos hingegeben und gleichzeitig gelernt, zu ihren Jahren zu stehen. Das eine sorgt für harmonische (nicht zwingend schmale) Körperkonturen und gepflegte Falten - das andere für Ausstrahlung.
Auch Age-Models merken, dass der Körper seine Pfunde jenseits der 35 nicht mehr ohne Widerstand abgibt. Sie erfahren auch, dass Haut und Haare nach der Menopause weniger Glanz haben (lange Haare werden dann strohig) und sich der Körper für durchtanzte Nächte rächt – aber sie klagen nicht, sondern nehmen den Umstand als gegeben und richten ihre (Pflege-)Gewohnheiten danach.
Statt also die Körperkontur mit denen Jugendlicher zu vergleichen und sich resigniert abwendend der Seelen-Schokolade zu widmen, wenden sie sich wahlweise der einen oder anderen Ersatzdroge zu und haben dabei Spaß – ob im Kino, beim Tanzen, Wellness oder Sport. Letzteres hilft nämlich auch noch, das ungeliebte Extra-Pfund straff und irgendwie lecker aussehen zu lassen. Wirklich attraktiv sind nämlich nicht hervorstehende Beckenknochen, sondern Menschen, die mit ihrem Körper im Reinen sind – drei Kilo hin, Konfektionsgröße her. Dass sich dieses Wohlgefühl mit dem eigenen Körper einstellt, ist übrigens ab vierzig wesentlich wahrscheinlicher als Jahre vorher – ein echter Vorteil des Älterwerdens!
Wahre Best-Ager, wie die Werbebranche sie nennt, haben auch kein Problem mit der Verantwortung als Vorbild der Würde. Warum mit Reizen spielen, die keine mehr sind? Der Minirock der Tochter, eine Jeans mit Löchern (nichts gegen Jeans!) oder rückenlanges Haar (womöglich noch mit Silberfäden) machen nämlich im Kontrast noch älter. Viel zu spannend auch, was mit dem eigenen Kleiderstil passiert, wenn Frau sich von der Rapunzel-Mähne trennt. Mit einer sportlicheren Frisur nämlich kann sie viel weiblichere Kleidung tragen ohne dabei in den Lolita-Chic zu verfallen. Etuikleider, Rock, Seidenbluse und Perlenkette wirken dann auf einmal modisch – und nicht wie Barbie. Auch das haben Age-Models begriffen.
Es gibt davon viele, mehr als wir meinen. Wir brauchen also nicht zu warten bis sie die Modemagazine fluten. Werden Sie doch einfach Teil der neuen Community …
Ihre Katharina Starlay
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