KOLUMNE
Schleichend, so ab Ende Dreißig erfahren die Komplimente, die man uns macht, eine sonderbare Wandlung. Während die bildhübsche Zwanzigjährige süß, sexy und bezaubernd genannt wird, erkennt man ihren männlichen Counterpart als markant, lässig oder ultra-cool. Ein paar Jahre später dann bezeichnet unsere Gesellschaft beide als schön. Und dann?
Katharina Starlay – Gründerin von stilclub.de
Gutaussehende, gepflegte, interessante, charaktervolle und charismatische Persönlichkeiten ab 40 müssen sich auf einmal anhören: „Du hast Dich gut gehalten!“ Gehalten – woran oder im Hinblick worauf? Wo liegt der Maßstab – und was um Himmels willen gilt es zu halten? Liegt die Messlatte im Dschungel des journalistisch beschworenen Jugendwahns? Gerade bei hochsommerlichen Temperaturen dürfen wir an vielen jugendlichen und jungen Männern und Frauen Ansichten genießen, die so gar nicht zur Rückschau motivieren. Ungepflegte Haut, Rettungsringe auf Breitengrad der Niere, schlechte Körperhaltung und Cellulite, die eigentlich erst einige Jahre später auftauchen dürfte, lassen die drängende Frage aufkommen: Ist es das, was es zu halten gilt? Und wie wollen die in zwanzig Jahren aussehen?
Natürlich kommt nicht jeder mit Model-Genen auf die Welt. Ein sensibles Bindegewebe oder diverse andere Tücken der Genetik bekommt man nun mal einfach mitgeliefert. Unbestellt, versteht sich! Es kommt aber darauf an, was man daraus macht. (Ja, auch schon mit zwanzig ...)
Viele der ungeliebten optischen Eigenheiten beruhen nämlich auf schlechten Gewohnheiten. Wer allabendlich mit Kissen im Rücken und in Schräglage das Kinn auf die Brust klemmt und Romane liest, darf sich nicht wundern, wenn sich statt des leichten Polsters unter dem Kinn ein echtes Doppelkinn manifestiert.
Es sind die kleinen Dinge und regelmäßigen Gewohnheiten, die einen Körper formen – oder eben das Gegenteil bewirken. Als echter ‚Spätzünder’ zeigt der Körper die folgen Ihres Tuns oder Nicht-Tuns allerdings erst zeitversetzt. Das wusste schon Oskar Wilde: Was Sie heute für Ihren Körper tun (oder nicht tun), sieht man ihm in 10 Jahren an. Der Sonnenbrand von heute ist also unsere Überraschung von morgen, die regelmäßige Bewegung (wir reden hier nicht von Leistungssport!) und die kleine Disziplin im Alltag unser Kompliment von morgen. Meistens bringen 15 Minuten täglich mehr als 2 Stunden pro Woche – egal, ob wir Sport, Hautpflege oder Gedächtnistraining angehen. …und mit einer gewissen Körperspannung sieht ohnehin alles ganz anders aus.
Wer möchte schon noch mal zwanzig sein – wenn man doch viel später erst herausfindet, was einem wirklich gut tut und wer man wirklich ist?
Ihre Katharina Starlay
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